Projekt: „Vernetzte Gewaltbearbeitung in der Schule”

September 2006 – Juli 2009

1. Kurzbeschreibung

Im Rahmen des Projektes “Vernetzte Gewaltbearbeitung in der Schule” soll der Schulalltag zweier Modellschulen (AHS/HS) mittels partizipativer Prozesse derart umgestaltet werden, dass strukturelle Gewaltpräventionsmaßnahmen installiert sind, die Gewaltbearbeitung im Anlaßfall transparent und handhabbar ist und die nötigen Kontakte zu den sozialen PartnerInnen hergestellt und geklärt sind. Dadurch soll sichergestellt werden, dass SchülerInnen und PädagogInnen mit Gewalt bzw. vermuteter Gewalt in der Schule umgehen und so Schäden von Gewalt vorgebeugt bzw. behandelt werden können.

2. Problemstellung

2.1. Tatort Schule

Aufgund gesellschaftlicher Veränderungen wurde die Schule in den letzten 20 Jahren vermehrt zum Tatort von Gewalt durch SchülerInnen. Dieser Wandel hat verschiedenste in der Gesellschaft begründete Ursachen.

Faktoren dafür sind die Einengung des Spielraumes für Kinder und Jugendliche, die Werteunsicherheit in der Kindererziehung, zerbrechende Familienstrukturen und damit verbundener Verlust von Bezugspersonen, wirtschaftliche Überforderung von Familien, Perspektivenlosigkeit, Angebot an gewalttätigen Vorbildern durch Film und Videospiele, neue interkulturelle Kontexte etc.

Folgen dieses Wandels sind Mängel im sozialen Gruppenverhalten (Konfliktfähigkeit, Solidarität…), das Sinken der Hemmschwelle für Gewaltanwendung und die Steigerung deren Intensität, die Unfähigkeit, sich in hierarchischen Strukturen zu bewegen, die Übertragung allgemeiner Ängste in den Schulalltag (Rassismus, Perspektivenlosigkeit, Hoffnungslosigkeit…) oder das Ausleben wirklichkeitsfremder Gewaltphantasien und -vorbilder im Schulalltag (Neonazismus…). Die auftretende Gewalt äußert sich in physischen und psychischen Übergriffen, die sowohl durch Einzelpersonen als auch durch Gruppen (z.B. Mobbing, Bullying) mehr oder weniger zielgerichtet verübt werden.

Aufgrund der gesellschaftlichen Interpretation, dass Schule Aggression und Gewalt durch gute pädagogische Konzepte ohne oder nur in besonderen Fällen konkrete Interventions- und Sanktionsstrukturen bearbeiten und lösen könne, wurden die Straf- und Sanktionsmöglichkeiten von Schulen stark eingeschränkt. Dabei unbeachtet blieb der Aspekt, dass diese neue Gewalt in der Schule zu einem Großteil unabhängig von den dargebotenen Inhalten auf entwicklungsbedingten Lernprozessen, falsch angelernten Verhaltensmustern und aus dem sozialen auch interkulturellen Umfeld eingeschleppten Konflikten beruhen, die durch rein kognitive Aufarbeitung nicht bewältigbar sind. Diese Gewaltphänomene können durch den/die PädagogIn im Unterricht bzw. den kurzen Aufsichtszeiten nicht bzw. kaum bearbeitet werden und bedürfen oft der Intervention eines Psychologen bzw. einer Interventionseinrichtung.

2.2 Perzeptionsort Schule

Ein weiterer Aspekt ist die größere Sensibilisierung der Bevölkerung und damit auch der PädagogInnen und SchülerInnen für Gewalt und deren Auswirkungen. Dadurch werden heute mehr Handlungen als Gewalt identifiziert und dokumentiert. Ein positiver Aspekt des Verbots von Gewalt gegenüber Kindern ist, dass auch die sichtbaren Folgen von Gewalt besser wahrgenommen und weniger hingenommen werden. Einen schwierigen Bereich stellt dabei die Bearbeitung von vermuteter häuslicher bzw. ausserschulischer Gewalt dar, die der Unterstützung von Fachkräften (SozialarbeiterInnen, PsychologInnen, Kripo) bedarf.

2.3 Vorhandene Angebote

Die nötige Unterstützung bzw. Vernetzung von PädagogInnen mit den zuständigen sozialen Angeboten und Einrichtungen hat im Schulbereich teilweise durch die Einrichtung des schulpsychologischen Dienstes und die Bestellung von schulinternen BeratungslehrerInnen stattgefunden; für eine umfassende Gewaltbearbeitung in und durch eine Schule reichen diese Angebote jedoch nicht aus. Die Vernetzung mit Beratungseinrichtungen, Interventionsstellen und ähnlichen Einrichtungen wurde in den wenigsten Bereichen strukturell umgesetzt.

Dies führt in weiterer Folge dazu, dass PädagogInnen ohne kompetende PartnerInnen bzw. Unterstützung durch die Schule Handlungsalternativen fehlen, was ein Gefühl der Hilflosigkeit, Frustration oder gar Angst zur Folge haben kann.

Dazu ist anzumerken, dass sowohl SchülerInnen als auch PädagogInnen ein Recht darauf haben, ihren Schulalltag physisch und psychisch intakt zu überstehen bzw. als Opfer von Gewalt seitens der Schule Unterstützung und Hilfe zu erfahren .

2.4 Bedarfsabklärung

Das Friedensbüro ist seit 17 Jahren in der Schularbeit und LehrerInnenfortbildung tätig. Durch die Kontakte mit PädagogInnen und Schulleitungen bzw. Anfragen nach Schulprogrammen bzw. Fortbildung im Gewaltbereich wurde der Bedarf an Unterstützung im Umgang mit Gewalt deutlich.

Eine Befragung von AHS-PädagogInnen im Rahmen eines PI-Lehrganges zu „Gewalt in der Schule“ 2005/06 ergab, dass PädagogInnen strukturelle Unterstützung bei der nachhaltigen Installierung von Gewaltpräventiven und -interventionsmaßnahmen in ihren Schulen begrüßen würden.

Die Kooperation mit dem “Verein Schnelles Netz” eine Interventionseinrichtung für Gewaltvorfälle in Schulen hat gezeigt, dass Mittel in diesem wichtigen Bereich gekürzt wurden und trotz steigender Nachfrage diese Interventionsleistung für AHS nicht mehr angeboten wird.

Gespräche mit dem Bezirksschulrat Graz ergaben, dass ein großes Interesse für die Umsetzung dieses Projektes in Grazer Hauptschulen besteht, da in diesem Schultyp im städtischen Bereich die Gewaltproblematik besonders zu spüren sei.

3. Ziel und Ergebnisse

Ein modellhaftes Gewaltpräventions- und interventionskonzept wird für zwei Schulen in folgender Qualität erprobt: Eine AHS bzw. HS gestalten in einem 2jährigen Prozess ihre Strukturen, Kommunikation und Konfliktkompetenzen nachhaltig nach Gesichtspunkten der Gewaltprävention und -intervention um und leben diese.

Die erwarteten Ergebnisse sind:

  • Die Prozesse wurden transparent nach partizipativen Methoden durchgeführt um Nachhaltigkeit zu erzielen.
  • Die Schule lebt kompetenten Umgang mit Gewalt und Konflikten.
  • PädagogInnen agieren gewaltpräventiv und intervenieren im Anlassfall.
  • SchülerInnen agieren gewaltpräventiv und kennen die Konsequenzen bei Übergriffen.

4. Projektbeschreibung

Das Projekt gliedert sich in eine Erarbeitungs- und eine Implementierungsphase.

4.1. Problem- und Ursachenanalyse

Gemeinsam mit dem Lehrkörper werden die schulspezifischen Problemkreise erhoben und die systemische Verwurzelung der Gewalt dargestellt. Dabei werden vom Lehrkörper langjährige Erfahrung und Kompetenzen im Umgang mit Gewalt und schwierigen SchülerInnen bzw. gewaltfördernden Strukturen eingebracht. Allfälliges Informationsbedürfnis über die Herkunft von Gewalt, Gewaltmechanismen, soziale Entwicklungen und Auswirkungen wird in dieser Phase gedeckt.

Die Elternvertretung wird über das Projekt informiert und eingeladen, sich mit seiner Problemsicht am Projekt zu beteiligen.

4.2. Umsetzungsplan

Unter der Leitung einer Steuerungsgruppe und Unterstützung des Projektteams werden die Bereiche, die dem/der PädagogIn bzw. der Schule als Gesamtheit zur Gewaltprävention bzw. –bearbeitung zur Verfügung stehen identifiziert.

Diese Gestaltungsbereiche werden in Arbeitskreisen untersucht und die möglichen strukturellen Maßnahmen (Gestaltung des Schulhauses, Tagesablauf…), Verhaltens- (Schulleitbild, Schulkultur, Klassenordnung) und Sanktionsvereinbarungen etc. erarbeitet. In dieser Phase werden die sozialen PartnerInnen im Gewaltbereich der Schule vorgestellt und Kooperationen besprochen bzw. nötige vertiefende Fortbildung angeboten.

4.3 Vereinbarung

Der Lehrkörper schließt eine Vereinbarung zur Umsetzung des akkordierten Maßnahmenkataloges. Dieser Maßnahmenkatalog wird Form eines operativen Arbeitsplanes festgehalten und dem Lehrkörper zur Verfügung gestellt. Bestandteil dieses Kataloges sind auch die nötigen pädagogischen Schritte, um mit den SchülerInnen das gewünschte Verhalten zu erarbeiten und zu vereinbaren. Projektwochen zu sinnvollen Zeitpunkten (nach Schulbeginn mit den 1. Klassen bzw. im Falle von Neuzusammensetzung) zu Gruppenbildung, Kommunikation und gegenseitigem Umgang wurden in Rohkonzepten festgelegt.

Im Schulgemeinschaftsausschuss wird die Kooperation mit den Eltern festgehalten und die Eltern und SchülerInnen über das Projekt informiert.

4.4. Implementierung

In der Umsetzungsphase werden die erarbeiteten Maßnahmen im Schulalltag auf Anwendbarkeit und Sinnhaftigkeit überprüft und überarbeitet. Die Projektphase wird vom Projektteam begleitet um sofort erforderliche Maßnahmen (Schulungen…) durchführen zu können.

4.5. Dokumentation

Sowohl Erarbeitungsphase, Schriftstücke und Evaluierung werden dokumentiert und der Prozess und die Ergebnisse in Form einer Modellanleitung zusammengestellt.

gefördert aus Mitteln des